Reisebericht - Klaus-Hausmann

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Aconcagua Expedition
Dez. 2010   


Bin wieder in der Zivilisation. Zwei Wochen an den Hängen des fast 7000m hohen Aconcagua. 15 aufregende Tage mit unglaublich vielen neuen Eindrücken, Erlebnissen und Konfron- tationen. Vom unendlich stinkenden Baño, der Pi-Box, den Gauchos und deren Mulis, den Teilnehmern und den Guides, den Portern und Waitern, über Material und Umwelt bis zum Wetter und dem Berg an sich.
Mein Tagebuch umfasst dutzende von Seiten und sollte ich ein Buch über meine Reise schreiben, wird es sicher ein dickes Kapitel über diese Expedition geben und es wird heißen:

„I went through the hell to touch the sky“






Wir waren sechs Teilnehmer: (Namen sind frei erfunden ;-))

Muna(w) aus dem Oman
Virginia Studentin für dt. Geschichte aus Kanada
Agnes(48) Französin, arbeitet als Banksekretärin in London
Mike(55) Investmentberater aus Montreal
Heiwa(31) aus Hiroschima, arbeitet als Ingenieur in Cansas(USA)
und ich  

Allein diese Zusammenstellung war schon eine interessante und inspirierende Herausforderung. Wir haben uns von Anfang an alle gut verstanden.
Agnes, die mich nach einigen Tagen plötzlich auf deutsch angesprochen hat erzählt mir, dass sie Deutsch studiert und 7 Jahre in Stuttgart gelebt hat. Und ich quäl mir einen ab mit englisch. Wir haben aber trotzdem selten deutsch gesprochen, schon wegen der anderen. Hin und wieder hab ich sie dann doch mal nach einer Vokabel gefragt.
Unsere Guides waren Juan(37) und Pinky(~30). Juan konnte gut englisch, Pinky sprach meist spanisch.  

Übernachtet wurde grundsätzlich im 2-Mann Zelt. Ich habe mit Heiwa ein Zelt geteilt. Ich dachte der ist klein, freundlich, zuvorkommend und bescheiden, das er aber notorischer Schnarcher war, hatte ich zu Anfang unter- schätzt.

Vom Ablauf her waren wir zunächst 7 Tage im Basislager (Confluenzia und Mulas) und haben von dort aus Tagestouren zur Akklimatisierung unternommen.
Bis auf die Tour auf den Monte Bonetti (5100m) habe ich alle Touren locker weggesteckt. Bei der Tour zum Bonetti  hatte ich nach kurzer Gehzeit bereits einen dramatischen Leistungs- abfall.  Ich habe den Gipfel nur unter großer Anstrengung und ca. 15min nach allen anderen erreicht. Und auch am Rückweg war jeder Gegenanstieg eine fast unüberwindbare Hürde.
Am folgenden Tag war Ruhetag und danach war ich wieder hergestellt.

In den Basislagern gibt es einen Arzt, der die Akklimatisierung eines jeden überwacht. Meine Blutsättigung war im mittleren Bereich, anfangs bei  82%, später auf 6000m bei ca. 60%. Das ist nicht optimal, aber vertretbar sagte die Ärztin.
Nach dem 7.Tag Basislager begann der Gipfelanstieg. Erstes(4900m), zweites(5400m) und drittes(5900m) Hochlager. In den Hochlagern gibt es keine Infrastruktur mehr. Kochen und Wasseraufbereitung haben die Guides übernommen.
Wenn es dann hieß: Dinner is ready, hat sich jeder mit seinem Fressnapf eine Portion Nudeln mit Soße am Zelt der Guides abgeholt und ist schnell wieder in sein Zelt gekrochen.

Anfangs hatten wir gutes Wetter, da konnte man noch vor dem Zelt sitzen und essen. Im zweiten Hochlager(Nido de Condores) fing es dann aber an zu schneien und hörte nicht mehr auf.
Wir sind trotzdem weiter aufgestiegen zum Hochlager Berlin. Hier schneite und stürmte es drei Tage. Immer wieder mussten die Zelte freigegraben und ein Weg zwischen den Zelten geschaufelt werden. Der Summitday wurde von Tag zu Tag verschoben.
Muna aus dem Oman hatte bereits im Basislager aufgegeben. Wir waren im Hochlager anfangs zu fünft. Nach dem ersten Tag musste Virginia absteigen, es ging ihr gesundheitlich nicht gut. Am nächsten Tag ist ihr Mike gefolgt, der damit seinen zweiten Versuch am Aconcagua abgebrochen hat. Jetzt blieben nur noch Agnes, Heiwa, ich und unser Guide Juan.
Drei Reservetage waren für den Notfall geplant und ich habe darauf bestanden diese auch auszusitzen.

Hier im Hochlager gab es nur noch Warten. Hin und wieder war es mal windstill, auch schien die Sonne mal am Tag. Für den Gipfelanstieg brauchten wir aber eine stabile Wetterlage für mind. 12 Stunden. Solche ein Wetterfenster war für den 31.12. kurzfristig vorhergesagt.

Wir nutzen die Chance und starten am 31.12. um 5 Uhr morgens zum Gipfelmarsch. Kurzes Frühstück im Zelt bei -13°C. Es gibt wie immer Kornflaks mit Milchpulver und heißem Wasser und Kaffee, der gar nicht mal schlecht schmeckt.  Wenn es nur nicht so kalt wäre.



Draußen blässt ein relativ starker Wind. Ich ziehe fast alles an was ich habe. Lange Unterhosen, 2 T-Shirts, Softshell Jacke, Fleece Jacke und darüber die dicke Daunenjacke. Dünne Handschuhe unter den Daunen Fäustlingen.
Vom Laufen wird es hier keinem warm, da man so langsam geht, dass man fasst am Boden festfriert. An den Füßen habe ich zwei Paar Strümpfe und die geliehenen Plastikboots (3kg das Paar). Am Kopf natürlich noch die Mütze und ein Halstuch, dass man über Mund und Nase ziehen kann. Wie die Michelin Männchen ziehen wir los, zu viert im Gänsemarsch.

Es ist noch stockdunkel und wir haben nur unsere Stirnlampen. Gut, dass Juan den Weg kennt.
Bald sieht man auch andere Gruppen vor und hinter uns. An einer windgeschützten Stelle machen alle eine Pause. Ca. 30 Personen sind heute unterwegs um auf dieser Route den Gipfel zu erreichen.
Noch geht es mir gut, aber es ist sehr mühsam hier oben auf über 6000m durch den Tiefschnee zu stapfen. Nicht immer ist eine Spur gelegt und oft sackt man bis zu den Knien in den pulvrigen Schnee ein.
Die Hangneigung beträgt ca. 30-40° und nicht immer wird dies in Serpentinen begangen, sondern oft auch direkt.



Als wir am Refugio Independencia auf 6430m ankommen fühle ich mich völlig erschöpft und unfähig weiter zu gehen. Juan meint, die restlichen 500hm werden nochmal bedeutet schwieriger als das bisher gegangenen.
Ich breche ab und schließe mich anderen an, die ebenfalls vorzeitig absteigen. Dieser dramatische Leistungsabfall, wie ich ihn schon m Mt. Bonetti erlebt hatte, ist ein deutliches Symptom der Höhenkrankheit. Hier oben in dieser unwirtlichen Welt, bei Sturm und Kälte möchte ich kein unberechenbares Risiko eingehen. Wohl hänge ich doch noch an meinem Leben. Ich steige ab ohne den Gipfelerfolg auf den ich seit Monaten hin gearbeitet hatte. Irgendetwas in mir ist stärker als der Ehrgeiz und der Stolz den Gipfel zu erreichen. Ich glaube ich bin trotzdem stolz so weit gekommen zu sein. Vielleicht, bei schneefreiem Wetter, das zu dieser Jahreszeit normalerweise vorherrscht, wäre alles anders gelaufen. Vielleicht komme ich mal wieder zum Aconcagua und erreiche dann mit seiner Gunst den Gipfel dieses starken und eigenwilligen Berges.

Von uns dreien hat nur Agnes den Gipfel erreicht. Für sie bereits das zweite Mal. Nach einer weiteren kalten Nacht im Hochlager geht es in einem Rutsch 1600hm runter bis nach Plaza de Mulas. Auch hier schneit es jetzt heftig, aber es ist mit knapp über Null angenehm warm. Am letzten Morgen stehe ich, geweckt von Heiwa‘s Schnarchen, schon vor sieben auf und mache einen kleinen Spaziergang zu der nahegelegenen Gletscherzunge. Die mystische Stimmung vor Sonnenaufgang motiviert mich zu einigen Fotos.


Es ist der Morgen des 2. Januar 2011, heute geht es zurück in die Wirklichkeit.

Ein ca. 30km Marsch bis zum Parkeingang, wo wir abgeholt und nach Mendoza gefahren werden.

Ein Abenteuer ist zu ende und ein neues beginnt. Ich stehe noch am Anfang meiner Reise, die hoffentlich ebenso erlebnisreich weitergeht wie sie begonnen hat.



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